Das Durchgangsheim Alt-Stralau

Das Durchgangsheim in Alt-Stralau 34 wurde 1952 eröffnet, Vorläufer war das „Hauptpflegeheim für Mädchen“ in der Stargarder Str. 74, das von 1946 bis 1951 bestand und wegen unhaltbarer Zustände geschlossen wurde. 1950 wurde in das Heim in der Stargarder Straße 74 die Mädchenabteilung der Jugendhilfestelle in der Magazinstraße 3-5 verlegt. 1956 hatte das Heim eine Kapazität von 60 Plätzen (CH. Sachse, der letzte Schliff, S: 177).

In den 50er Jahren wurde das Heim zu einem geschlossenen Heim umgebaut, spielen und spazieren durften die Kinder auf der Dachterrasse.
(PHOTO Wurfspiele auf der Dachterrasse)
Bei einer Kontrolle 1956 wurde festgestellt, dass das Heim über einen Absonderungsraum verfügt, wo tagelang Mädchen isoliert wurden; die Praxis des Arrestes wurde 1961 offiziell zugelassen: „Zur Sicherheit des Personals und der im Heim untergebrachten Kinder und Jugendlichen können besonders schwierige Kinder und Jugendliche in einem Isolierraum untergebracht werden“ ( Interne Arbeitsrichtlinie für Durchgangsheime der Jugendhilfe, vgl. Protokoll der Arbeitstagung der Durchgangsheime der Jugendhilfe vom 19. Und 20.Juni 1963, BArch 2/60 997, zit. nach Sachse, Ch. Der letzte Schliff: , S. 183 f, 1967 wurde sie durch die Ordnung über die zeitweilige  Isolierung von minderjährigen aus disziplinarischen Gründen in den in Spezialheimen der Jungendhilfe vom 1. 12.1967 abgelöst , BArch DR 2/ 12203). In Alt-Stralau wurde u.a. für Fluchtversuche, „Renitenz“ bzw. Verweigerung  mit Arrest bestraft (Sachse, S: 190)
(Foto Isolationsraum Alt-Stralau)

Das Durchgangsheim Alt-Stralau war zunächst ein Heim für Mädchen im Alter von 14-18 Jahren, ab Mitte der 60-er Jahre wurden auch Jungen aufgenommen; in den 80-er waren dort bereits Kinder und Jugendliche vom 3. -18. Lebensjahr zeitweise untergebracht. Die Aufenthaltsdauer betrug mitunter bis zu 6 Monaten, im Heim waren Kinder, die von Zuhause ausgerissen bzw., aus der Familie herausgelöst werden mussten, waren zusammen mit sog. schwererziehbaren Kindern untergebracht, die in Spezialkinderheime oder Jugendwerkhöfe überwiesen wurden und auf einen Platz warteten bzw. dort ausgerissen waren und zurückgebracht werden sollten – in den 50-er auch „Mädchen aus der BRD, die „in der DDR um Asyl suchen“ (so Ch. Sachse, S. 177).

(Rechtswidrige mehrmonatige Aufenthalte waren in den Durchgangsheimen wie in Alt-Stralau 34 keine Seltenheit. BArch DR/12264)

Jugendliche ab dem 14. Lebensjahr wurden zur Arbeit verpflichtet. In den 50ern arbeiteten die Insassen u.a. in zwei Berliner Fleischfabriken (VEB Leko und VEB Elite) (Ch. Sachse, der letzte, Schliff, S: 177, Schwerin 2010). In den 1980er Jahren haben sie u.a. für die Firma VEB Berlin Kosmetik Lippenstifte zusammengesetzt; mitunter waren dabei Kinder unter 14 Jahren beschäftigt – Ein Verstoß gegen die Kinderarbeitsschutzbestimmungen der DDR. Nichterfüllung der Arbeitsnormen wurde für Insassen des Durchgangsheim Alt-Stralau mit Schlägen, Essensentzug, Dunkelhaft in der Isolationszelle sanktioniert.
(PHOTO Produktionsraum)
(BArch C Rep 422 Nr. 104 Analyse der Normenarbeit im VEB Kosmetik-Kombinat Berlin 1984)

Ausschnitt Kopfbogen 1974 für Bauantrag
Plankammer Friedrichshain/Kreuzberg

Entsetzt über die Zustände im Durchgangsheim Alt Stralau 34 versuchte der Erzieher Rüdiger Chladek im Jahre 1986 über eine „Eingabe an den Magistrat von Groß-Berlin“ Veränderungen zu erreichen. Ausführlich beschrieb er die Gewalttaten, denen die minderjährigen Insassen verursacht durch Erzieher und andere Insassen ausgesetzt waren, beschrieb die Praxis der Einweisungen in die Isolationsräume, erwähnte die grassierende Alkoholsucht unter den Erziehern.

Als Chladek im Rahmen einer „Aussprache“ keine seiner Äußerungen zurücknahm, wurde er entlassen, bekam große Schwierigkeiten überhaupt wieder Arbeit zu finden und ernährte sich und seine Familie bis zur Wende über Hilfsjobs.

(unten BArch DR2/51103 Teil 2 S.4)
(BArch DR2/51103 Teil 2 S.)

Was bleibt
Selbst nachdem 1987 die Auflösung der Durchgangsheime beschlossen war, ging der Betrieb in Alt-Stralau 34 bis in die Wendezeit weiter. Nach dem Ende der DDR wurde das Haus von 1990 bis 1996 eine Einrichtung der Kreuzberger Kinder- und Jugendnothilfe. Viele der ehemaligen Sicherungseinrichtungen inklusive der Arresträume waren noch erhalten, als 1998/99 das Haus vom Architekturbüro Manfred Hoffmann/Winfried Brenne zur Thalia-Grundschule denkmalsgerecht in Anlehnung der ursprünglichen Subtanz von 1894/1912/1928 umgebaut wurde.

Neben dem Stigma einer Heimeinweisung hatten ehemalige Insassen wegen dieser Schulunterbrechungen (Schulunterricht war im Heim zwar vorgeschrieben, fand aber häufig nicht statt) oder der vom Amt willkürlich verordneten Ausbildungsabbrüche große Probleme, in der DDR-Arbeitsgesellschaft eine Anstellung zu finden. Nach der Wende sind viele ehemalige DDR Heimkinder doppelt benachteiligt, wenn es um Renten- oder ähnliche Ansprüche geht. Oft lassen sich Heimaufenthalte oder Arbeitseinsätze wie in Alt-Stralau nicht nachweisen.

Angestrebt wird deshalb wenigstens die Aufstellung einer Gedenktafel zur Geschichte des Alt-Stralauer Durchgangsheims, um das Schicksal der DDR-Heimkinder nicht vergessen zu lassen.