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Workshop am 14. Mai 2011 von 10:00 bis 14:00
im Haus der Demokratie und Menschenrechte (Seminarraum I - Vorderhaus, 1. OG)

Unabhängig von politischen und methodischen Bedenken findet der Vergleich von Diktaturen in der politischen Bildungsarbeit immer wieder statt. Gern wird dabei ein Satz von Bernd Faulenbach aus den Debatten der neunziger Jahre zitiert: "Das stalinistische Unrecht darf die NS-Verbrechen nicht relativieren, die NS-Verbrechen dürfen das stalinistische Unrecht nicht bagatellisieren." Oft wird aber übersehen, daß diese ausgewogene Formulierung keine Lösung vorweg nimmt, sondern eine schwierige Aufgabe stellt.

Philosophisch betrachtet ist es sicher ganz einfach: Der Vergleich ist eine ebenso legitime wie schwierige Methode der Erkenntnis, in der Wissenschaft wie in der Bildungsarbeit. Einerseits setzt der Vergleich gewisse Kenntnisse über die zu vergleichenden Seiten voraus, andererseits zielt er über die Besonderheiten jedes Einzelfalls hinaus auf Allgemeines. Welches Allgemeine aber anhand der Vergleichsobjekte thematisiert wird, ergibt sich nicht aus den diesen Objekten allein, die immer in verschiedener Hinsicht verglichen und unterschieden werden können, sondern aus den Absichten und Vorhaben derjenigen, die den Vergleich anstrengen. Methodisch kontrolliert durchgeführt, lassen sich im Ergebnis einer Untersuchung die Vorannahmen und die empirischen Einsichten unterscheiden.

Praktisch ist es so, daß der Vergleich unterschiedlicher Diktaturen in der Bildungsarbeit in sehr verschiedener Form unternommen wird. Zwar haben die meisten Schülerinnen und Schüler, Azubis oder Teilnehmer der Erwachsenenbildung keine direkten Erfahrungen mit dem Leben unter einer Diktatur. Aber die historischen Ergebnisse vergangener Herrschaftsformen prägen auch unsere Gegenwart. Und zur Lebenswelt gehört auch die mediale Gestaltung politischer und historischer Debatten, in denen die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und der Geschichte der DDR eine zentrale Position einnehmen, und in denen verschiedene Möglichkeiten des Vergleichs bereits vorgegeben sind.

Die Stiftung Haus der Demokratie und Menschenrechte hat nicht nur einige Erfahrungen auf dem schwierigen Feld der historischen und geschichtspolitischen Debatte sammeln können (vgl. Positionen der Stiftung, Ausstellung "Der kurze Herbst der Utopie - 1989/90"). Sie war auch direkt vom Konflikt um die Enteignungen nach 1949 betroffen und hat dabei ihre Stellung zur deutschen Vergangenheit näher bestimmen müssen.

Das Haus der Demokratie entstand Anfang 1990 auf Beschluß des Runden Tisches als Arbeitsort der DDR-Oppositionsgruppen. Bei der Suche nach einem geeigneten Gebäude fiel die Wahl auf das Haus Friedrichstr. 165, die ehemalige Kreisleitung Berlin-Mitte der SED. Auch nach 1990 setzten dort einige Unentwegte ihre Arbeit für eine andere, menschenfreundlichere Gesellschaft fort, weil sie ihre Vorstellungen mit dem Beitritt zu Geltungsbereich des Grundgesetzes nicht erfüllt sahen. Dann aber tauchte 1991 die Preussag auf, die direkt und als Rechtsnachfolger der Hermann-Göring-Werke Anspruch auf das Vermögen des Oberschlesischen Steinkohlensyndikats (OSS) erhob. Und zu diesem Vermögen gehörte bis zur Enteignung 1949 auch das Bürogebäude in der Friedrichstraße, in dem nun Demokratie statt Bürokratie realisiert werden sollte.

Früh fand die Preussag bei der Treuhandanstalt Verständnis: "Was reden sie denn immer von Kriegsverbrechern. Eine GmbH ist eine GmbH, und wenn die einen Rechtsanspruch hat, hat sie einen Rechtsanspruch." Der folgende Rechtsstreit wurde erst entschieden, als das Haus der Demokratie längst in die Greifswalderstr. 4 umgezogen war. Im Jahr 2004 wurde der Kaufpreis für die Friedrichstraße 165 an die Erben des OSS ausgezahlt. Die Position der DDR-Opposition, wonach die Enteignung von Nazi- und Kriegsverbrechern selbstverständlich rechtens wie geboten war, hatte vor Gericht – ebenso selbstverständlich – keine Rolle gespielt.

In diesem Workshop sollen die Erfahrungen der Teilnehmer (Lehrerinnen und Lehrer, Teamerinnen und Teamer der politischen Bildungsarbeit) mit Möglichkeiten und Grenzen des historischen Vergleichs von Diktaturen zum Ausgangspunkt einer vertiefenden Diskussion genommen werden.

Zeitplan:

10:00
Vorstellungsrunde: Persönlicher Erfahrungshintergrund, Motivation

10:15
Von der Anschaulichkeit und Unanschaulichkeit der Geschichte (vgl. Regina Scheer, Der Umgang mit den Denkmälern. Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung, 2003, www.politische-bildung-brandenburg.de)

10:45
Vorstellung von Teilen der Ausstellung "Der kurze Herbst der Utopie" (Gesellschaftsbild der DDR-Opposition) und "Dialog und Vielfalt" (die Geschichte des OSS und der Konflikt mit der Preussag als dem Rechtsnachfolger in den neunziger Jahren)

11:30
Problemdiskussion: Welche Interessen führen zum Diktaturenvergleich?

12:15
Kleingruppenarbeit: In welcher Form könnte das Thema in der eigenen Arbeit aufgegriffen werden?

13:00
Vorstellung und Diskussion der Ergebnisse: Was ist der Diktaturenvergleich - und zu welchem Zweck studiert man ihn?

14:00
Ende

Leitung: Sebastian Gerhardt
freier Mitarbeiter in der Topographie des Terrors & im Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst;
seit 1997 aktiv in den Gremien das Hauses der Demokratie, Redakteur der Ausstellungen "Der kurze Herbst der Utopie - 1989/90" und "Vielfalt und Dialog. Die Geschichte des Hauses der Demokratie und Menschenrechte"

Teilnahme frei, Anmeldung erbeten: Kontakt und Anfahrt

Eine Veranstaltung der Stiftung Haus der Demokratie und Menschenrechte im Rahmen der Aktionstage Politische Bildung.

 

 

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